Deutschland im Niedergang – Europa gelähmt
“Mein Motto ist heiterer Pessimismus. Seit ich politisch denken kann, geht es mit Deutschland bergab. Aber auf diesem langen Weg nach unten, gibt es noch eine Reihe schöner Tage.“
Mit diesem wenig erheiternden Ausspruch wird Jan Fleischhauer, ex- Redakteur von „Der Spiegel“, gelegentlich zitiert.
Reflexartig bin ich geneigt, diese melancholische Resignation als voreilige Selbstaufgabe zurückzuweisen. Schon ein flüchtiger Blick auf die Wirklichkeit, offenbart jedoch, dass Jan Fleischhauer offenbar gar nicht so weit daneben liegt.
1. Deutschlands Weg in die Bedeutungslosigkeit
Die Deutsche Bahn, das wissen alle Deutschen, die sich ihr einmal in gutem Glauben anvertraut haben, operiert seit Jahren ganz in der Nähe des totalen Zusammenbruchs. Einst ein Symbol für Zuverlässigkeit, hat sie sich – insbesondere im Fernverkehr – erheblich verschlechtert. Die DB selbst erklärt die Situation mit veralteter Infrastruktur und einem Baustau und verweist auf Stabilisierungsmaßnahmen und operative Vorkehrungen. Das stimmt zwar, aber die Frage ist berechtigt: “ Wie konnte es so weit kommen? ” Gibt es nicht tieferliegende Gründe, einen Mangel an Gemeinschaftssinn, einen umfassenderen kulturellen Niedergang? Jahrzehntelange Unterinvestitionen in die Infrastruktur sind doch nicht per Zufall, höhere Gewalt oder schlichte Not über uns gekommen.
Die deutsche Chemieindustrie , einst Weltklasse, kämpft mit hohen und nicht planbaren Energiepreisen, die die lokale Produktion unattraktiv machen und Investitionen zu riskanten Spekulationen werden lassen. Zwar spielen auch zyklische Faktoren eine Rolle, doch der Druck war – abgesehen von den Phasen nach verlorenen Weltkriegen – noch nie so stark wie heute. Zunehmende mit Verlagerungstendenzen sollten daher niemand überraschen. Große Chemieunternehmen haben ihre „Anpassungen“ explizit mit der neuen Realität nach dem Ende der niedrigen Erdgaspreise in Verbindung gebracht. BASF beispielsweise kündigte die Stilllegung energieintensiver Anlagen und den Abbau von Stellen an und verwies dabei auf die veränderten Rahmenbedingungen, insbesondere im Energiebereich.
Dass Europa billiges russisches Gas gegen teures US-amerikanisches LNG tauschen musste, wird üblicherweise dem russischen Angriff auf die Ukraine zugeschrieben. Obwohl diese Konfrontation nicht als Hauptauslöser abgetan werden kann, entstand sie nicht aus dem Nichts. Sie war von den beiden rivalisierenden Supermächten über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg sorgfältig vorbereitet worden. Unsere Staats- und Regierungschefs akzeptierten klaglos die unbequeme Wahrheit, dass den kleinen europäischen Staaten in diesem Großmachtspiel nichts anderes übrig blieb, als die Rolle zufriedener Vasallen einzunehmen, da dies kurzfristig schlicht die bequemste Alternative für sie darstellte.
Die deutsche Automobilindustrie , einst eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft, wurde unsanft aus ihren Träumen gerissen. Sie versucht nun, im Bereich der Elektromobilität aufzuholen, während ihre Stärken bei Verbrennungsmotoren weiter an Bedeutung verlieren. Die Unternehmen verweisen zwar auf Marktkräfte, die Elektrofahrzeugen ablehnend gegenüber stünden. Doch potenziellen Käufern fehlen schlicht attraktive Angebote. Und die notwendige Ladeinfrastruktur ist noch höchst lückenhaft. Dabei hat die Branche völlig unterschätzt, mit welcher Konsequenz andere Regionen, etwa China, diese Herausforderung angegangen sind. Jetzt findet sie sich unter verschärften wirtschaftlichen Bedingungen in einer Aufholjagd wieder. Offensichtlich steht es nicht gut um die deutsche Automobilindustrie.
In seiner berühmten “Ruck-Rede” [1] forderte der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog (1994–1999) damals bereits eine grundlegende Reform in Deutschland. Es mag seither einige kleinere Ruckeleien gegeben haben. Die Situation hat sich im Wesentlichen jedoch nicht verändert.
Am 24. Januar 2026 äußerte sich sogar Marie-Agnes Strack-Zimmermann, eine überzeugte Transatlantikerin, die sonst für ihren rüden Ton und ihre inakzeptablen Botschaften bekannt ist, in dem Newsletter “The Pioneer” [2] zur Abwechslung einmal eine schlichte zwar, aber eben doch Wahrheit …
“Wenn wir diese Kleinstaaterei weitermachen in Europa, werden wir von den USA, von den Chinesen und Russen schlichtweg verspeist werden ”
… und …
„Dadurch, dass wir eben keinen verlässlichen Partner mehr in den Vereinigten Staaten haben und sehen, dass die USA, China und Russland anfangen, diesen Globus unter sich aufzuteilen, ist ein starkes Europa überlebenswichtig. Und dazu gehört eine starke Wirtschaft.„
Es ist eher fraglich, ob wir jemals einen “verlässlichen Partner in den Vereinigten Staaten” hatten. Vielmehr charakterisiert der Begriff “glücklicher Vasall”, der in den jüngsten Debatten in Davos [3] zu einem stehenden Begriff geworden ist, unsere Rolle bis heute.
Die drei oben genannten, zufällig ausgewählten Beispiele verdeutlichen bereits die dringende Notwendigkeit zum Handeln. Doch wir sind ja nicht allein. Es gibt ja noch unsere europäischen Bruderstaaten. Gemeinsam sind wir doch stark, nicht wahr? Wie sieht die Lage denn dort aus?
2. Und Europa?
Die EU zeigt eher Anzeichen einer weiteren Auflösung. Schon ihr Name ist ein Euphemismus. Dieser lose Staatenbund ist weit davon entfernt, einer „Union“ zu ähneln. Eher lässt er sich mit einem Pokerspiel vergleichen, bei dem jeder Spieler mit verdeckten Karten spielt und versucht, so viel wie möglich für sein jeweiliges Heimatland aus dem großen Topf herauszuholen. Und tatsächlich muss jedes Mitglied des politisch bestimmenden Ministerrats in erster Linie seinem rein nationalen Mandat nachkommen.
Dort sind wir wohl Weltmeister im Streiten und Zanken. Wir finden nur dann Einigkeit, wenn unser großer Bruder von der anderen Seite des Atlantiks uns sprichwörtlich, “mit sanfter Stimme und einem dicken Knüppel in der Hand” [1], in die von ihm gewünschte Richtung lenkt.
Dieser neue Ton von der anderen Seite des Atlantiks ber überrascht uns, obwohl er es eigentlich nicht sollte. James Dorsey, Senior Fellow an der S. Rajaratnam School of International Studies (RSIS) der Nanyang Technological University of Singapore (NTU), erklärte gegenüber Lianhe Zaobao, Donald Trump sei einfach “freimütiger” als frühere US-Präsidenten.
“Wenn seine Vorgänger in einem Land intervenierten, ging es ihnen vordergründig um die Förderung von Demokratie und Menschenrechten – das waren die angesprochenen Themen. Donald Trump dagegen spricht Klartext: Es geht um Dominanz. ‚Das ist unsere Hemisphäre, und wir werden sie beherrschen.‘”
Beunruhigen sollte uns die Ansicht, die Professor Calvin Jillson vom Institut für Politikwissenschaft der Southern Methodist University vertritt . Seiner Wahrnehmung nach scheint Donald Trump eine globale Vision zu verfolgen, in der regionale Hegemonialmächte die Oberhand haben: “die USA in den Amerikas, Russland in Europa und China in Asien”.
Wenn auch nur ein Fünkchen Wahrheit daran ist, sollte dies Anlass zur Sorge für die europäische Bevölkerung geben – nicht für ihre politischen Führer, die nur vier oder fünf Jahre in die Zukunft blicken und dann auch nur mit einem festen Blick auf ihre persönliche Karriere.
Es gibt jedoch auch unvoreingenommene Beobachter der Szene. Mit Blick auf den derzeit tobenden Ukraine-Krieg schloss Jvan Ricciardella am 24. Januar 2026 seinen LinkedIn-Beitrag “Europa am Scheideweg der Realität ” wie folgt ab:
Die Wiederaufnahme des Dialogs mit Moskau durch Frankreich, Italien und Deutschland signalisiert keine plötzliche Kompromissbereitschaft, sondern die verspätete Anerkennung einer Wirklichkeit, mit der Europa sich schwer getan hat: Dieser Krieg lässt sich nicht auf Dauer mit Parolen, Sanktionen und moralischem Absolutismus bewältigen. Die institutionelle Starrheit der Europäischen Union, Großbritanniens reflexartige Eskalation, Amerikas selektiver Rückzug und die Aushöhlung globaler Vermittlungsstrukturen schaffen eine Landschaft, in der die alten Regeln nicht mehr gelten. Europa steht nun am Scheideweg und muss sich entscheiden: Entweder es passt sich einer multipolaren Realität an oder es klammert sich an den Narrativ einer fiktiven Einheit, der weder den herrschenden Machtverhältnissen noch der Glaubwürdigkeit möglicher Konsequenzen noch entspricht. Je länger eine glaubhafte Entscheidung hinausgezögert wird, desto höher wird der Preis sein – nicht nur für die Ukraine, sondern für Europa selbst.
Die ernüchternde Erkenntnis sickert langsam in die Köpfe unserer vermeintlichen Meinungsführer ein. Am 24. Januar 2026 kommentierte Henry Farrell [4] die ersten zaghaften, trotzigen Reaktionen:
“Die Europäer wurden schließlich so weit in die Enge getrieben, dass sie zurückschlugen. Wie der belgische Premierminister es ausdrückte: ‚ Als glücklicher Vasall zu leben ist eine Sache, als elender Sklave zu existieren eine ganz andere .‘ [5] Es war klar, dass die Europäer endlich bereit waren, sich Donald Trump zu widersetzen.”
Andere, berufsbedingt positiv gestimmt, weisen auf die Chancen hin, die diese Situation bieten mag. Im Anschluss an das große Ritual von Davos schrieb Nick Studer, CEO von Oliver Wyman und Marsh Management Consulting, am 24. Januar 2026 im Oliver-Wyman-Newsletter …
Europa kam unter enormem Druck nach Davos: Zölle, Ukraine, Energiesicherheit und sogar Grönland. Die Stimmung war deutlich anders als 2025, als die Sorge um Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund stand. In diesem Jahr verlagerte sich der Fokus auf Handlungsfähigkeit.
Nirgends wurde dies deutlicher als im Verteidigungsbereich. Europa übernimmt deutlich mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit und erhöht die Militärausgaben massiv, insbesondere für Ausrüstung und Spitzentechnologien. Dies ist eine strategische Notwendigkeit und birgt zudem das Potenzial, die Wirtschaft in der gesamten EU und im NATO-Europa, einschließlich Großbritanniens, anzukurbeln, sofern die Umsetzung mit den ambitionierten Zielen Schritt hält.
Jenseits des Verteidigungsbereichs entstand die Spar- und Investitionsunion als Versuch, Billionen an Ersparnissen in KI, Dateninfrastruktur, industrielle Erneuerung und die Energiewende zu lenken. Europa mangelt es nicht an Kapital. Es mangelt an einem funktionierenden Finanzierungssystem, an Geschwindigkeit und an Willen. Die nationalen Regierungen können viel tun, und auch die EU muss ihr Tempo erhöhen. Diese Lücke bleibt Europas größtes Hindernis.
Europas Chancen sind real, aber nur für Organisationen, die bereit sind, mit Fragmentierung, Herausforderungen bei der Standardisierung und einer langsameren Umsetzung politischer Maßnahmen umzugehen. Die Gewinner werden das Ökosystem mitgestalten, anstatt darauf zu warten, dass es sich stabilisiert .
3. Europa am Scheideweg
Man kann es förmlich spüren: Europa befindet sich an einem Wendepunkt, einem jener Momente, die sich in der Geschichte nur wenige Male ereignen und der nicht zu Verzweiflung, sondern zu Klarheit, Würde und Erneuerung aufruft. Hatten die letzten Jahre den Kontinent in eine defensive Haltung gedrängt, ihn als Opfer des Wettstreits zwischen den USA und China beschrieben, ihn durch interne Spannungen ausgebremst und ihn in Sorge um den Verlust seiner nach dem Kalten Krieg gewonnenen Gewissheiten versetzt, so erfordern die kommenden Jahrzehnte eine andere Haltung: Aufrecht statt gebeugt, die Opfer-Sprache ablegen und ein gesundes Selbstvertrauen zurückgewinnen, das Europa einst zur Wiege von Ideen, Diplomatie, Innovation und institutioneller Vision machte.
Was Europa heute erlebt, ist das Ende eines jahrhundertelangen Zyklus: das Zeitalter der westlichen Hegemonie, die auf technologischer Überlegenheit, kolonialem Einfluss, finanzieller Dominanz und kultureller Ausstrahlung beruhte. Diese Ära, für die der fragwürdige Begriff der “regelbasierten Weltordnung” geprägt wurde, neigte sich schon seit geraumer Zeit dem Ende zu. Nun scheint sie endgültig vorbei zu sein. Die Zahl der Staaten, die mitentscheiden wollen, hat sich vergößert, die einst dem Westen vorbehaltenen Fähigkeiten, haben sich über den Globus verteilt. Neue Zentren wirtschaftlicher Stärke und Kompetenz sind entstanden. Eine Zeit lang genoss Europa eine ruhige und bescheidene Blütezeit im Schatten der amerikanischen Hegemonie. Doch mit dem Ende der amerikanischen Hegemonie wird Europa unsanft aus seinen Träumen gerissen. Seine Stagnation rührte von der Illusion her, die Welt würde sich auf unbestimmte Zeit um ein westliches Zentrum drehen, während China aufstieg, Mächte in der zweiten Reihe an Einfluss gewannen und die USA ihre imperiale Überdehnung zu spüren bekamen.
4. Was können wir also tun?
Ja, was können wir dagegen tun? Die Antwort auf diese drängende Frage ist offensichtlich, simpel, aber schwer umzusetzen: Europäer vereint euch!
Anders als bei der gegenwärtigen EU brauchen wir ein Europa als eine Einheit, die selbstbewusst, souverän, unabhängig, stark in den Schlüsselbereichen Wirtschaft, Verteidigung und Soft Power, glaubwürdig, zuverlässig und weltweit respektiert ist, nach außen hin monolithisch einheitlich wirkt, intern vielfältig ist, ihren kulturellen Reichtum widerspiegelt und ihren eigenen Idealen und Werten gerecht wird – kurzum, einen Vielvölkerstaat, der schlicht “Europa” genannt werden kann.
Wer ist also “wir”? Nun, es sind wir alle – wir, das Volk. Unsere gewählten Vertreter werden uns nicht retten. Sie werden von ganz anderen, tiefer liegenden Kräften angetrieben. Offensichtlich werden Vertreter gewählt, um die Politik zum Wohle des Volkes zu gestalten und ihnen so die Freiheit zu lassen, ihrem bürgerlichen Lebensunterhalt nachzugehen. Theoretisch sind diese Vertreter verpflichtet, den Willen ihrer Wähler zu vertreten. In der Praxis jedoch, sobald sie sich im Machtzentrum der Macht, fernab ihrer Heimat, etabliert haben, können sie im Grunde tun, was sie wollen, wie der Washingtoner Korrespondent William Greider in seinem 1992 erschienenen Buch “Wer wird es dem Volk sagen ?” freimütig beschreibt .
Es ist ganz offensichtlich die Aufgabe einer Basisbewegung, einer Gemeinschaft, die sich konsequent ihren Zielen verpflichtet fühlt und deren interne Struktur nicht, wie üblicherweise der Fall, Psychopathen an die Spitze befördert, die vom absoluten Willen zur Macht getrieben werden. Eine Bewegung, die Politik als Aufgabe ernst nimmt und sie anders betreibt als bisher üblich.
Diese Bewegung existiert bereits. Sie ist noch klein. Sie muss und wird wachsen und sich auf alle europäischen Länder ausbreiten, die in der liberalen Tradition der europäischen Aufklärung stehen.
Sie wird von innen und von unten wirken und unsere Zukunft beeinflussen: Die Europäer für den Planeten.
[1] Wie Theodore Roosevelt, der 26. Präsident der Vereinigten Staaten, am 2. September 1901 in einer öffentlichen Rede auf der Minnesota State Fair (kurz vor seinem Amtsantritt als Präsident) bekanntlich verkündete.


